Stellen wir uns einmal vor, was passiert, wenn man mehrere Tage vollständig auf Schlaf verzichtet. Die Antwort ist natürlich äußerst beunruhigend, um nicht zu sagen erschreckend… Der Mensch wird dadurch im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig. Ein solches Experiment (Klick!) führte ein siebzehnjährige US-Amerikaner Randy Gardner im Jahr 1964 an sich selbst durch, als er 11 Tage und 25 Minuten ohne Schlaf verbrachte. Was geschah mit ihm als Folge? Er erlitt Panikattacken, einen starken Gewichtsverlust, verlor die Kontrolle über seine motorischen Funktionen, zeigte abnorme Muskelbewegungen, Wahnvorstellungen und Sprachunfähigkeit. Hätte dieser Zustand noch ein oder zwei Tage länger angedauert, wäre dieser Mensch schlicht gestorben. Und wir alle glauben, Schlaf sei nur ein Mittel zur Beseitigung von Müdigkeit…
Kleine, aber regelmäßige Schlafdefizite erscheinen zunächst harmlos, führen jedoch langfristig zu schwerwiegenden Folgen. Während des Schlafs findet vor allem die Regeneration des Gehirns statt, zweitens wird das Immunsystem wiederhergestellt, drittens erfolgt mithilfe des Immunsystems und anderer Systeme eine Selbstreinigung des Körpers, und nicht zuletzt wird die Energie wiederhergestellt – durch intrazelluläre Strukturen, die sogenannten Mitochondrien, welche die lebenswichtige Energie innerhalb der Zellen produzieren. Denken wir doch noch einmal darüber nach: Wir stören all diese Prozesse völlig bewusst, obwohl sie sich über viele Millionen Jahre der menschlichen Evolution entwickelt haben!
Achtung: Wir können nicht genau sagen oder messen, wie viel Schlaf uns fehlt. Solche Zähler oder Sensoren existieren nicht. Es ist unmöglich, den Schlafmangel vergangener Nächte nachzuholen. Ebenso unmöglich ist es, „auf Vorrat“ für die Zukunft zu schlafen. Und genau diese drei Faktoren stellen für jeden von uns ein enormes Problem dar. Und es ist unsere tägliche Entscheidung…
Was passiert, wenn wir zum Beispiel jede Nacht ein bis anderthalb Stunden zu wenig schlafen? Zunächst entstehen Probleme mit dem Hormon Cortisol. Cortisol hat nicht genügend Zeit, sich zu senken, wie es während eines erholsamen Nachtschlafs der Fall sein sollte, sondern beginnt im Gegenteil anzusteigen. Bei Schlafmangel sinkt außerdem die Insulinsensitivität, was den Glukosespiegel beeinflusst und zu Gewichtszunahme, Energiemangel, einer Schwächung des Immunsystems und weiteren negativen Folgen führt. Chronische systemische Entzündungen und oxidativer Stress – also intrazelluläre Schäden – nehmen zu. Automatisch steigt das C-reaktive Protein (CRP) (Klick!) als Marker einer chronischen systemischen Entzündung. Die Liste der Folgen ließe sich fortsetzen…
Und was geschieht auf der Ebene von Organen und Körpersystemen? Der humorale Immunstatus (T-Killerzellen) sinkt um bis zu 70 %, die Ausdauer (maximale Sauerstoffaufnahme) um bis zu 30 %, die Muskelkraft um bis zu 25 %, die Reaktionsgeschwindigkeit um bis zu 50 %, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung um bis zu 40 %, und das Risiko, an die Alzheimer-Krankheit zu erkranken, steigt um bis zu 40 %. All dies ist die Antwort unseres Körpers und unseres Nervensystems auf einen chronischen, freiwilligen Entzug von ein bis zwei Stunden Schlaf pro Tag…
Nicht unwichtig ist auch, was dabei mit der Psyche geschieht: Stimmungsschwankungen, kognitive Beeinträchtigungen, Verhaltensprobleme, Tagesschläfrigkeit, Müdigkeit oder Erschöpfung sowie Einschränkungen der beruflichen und schulischen Leistungsfähigkeit. In der Gesamtheit führt dies zu Störungen der zwischenmenschlichen und sozialen Interaktion.
Weitere schwerwiegende Folgen langfristiger Schlafstörungen sind ein erhöhtes Risiko für arterielle Hypertonie, Schlaganfall, Herzinfarkt, erektile Dysfunktion, Gewichtszunahme, Typ-2-Diabetes, Konzentrationsverlust beim Führen von Fahrzeugen, Krebserkrankungen und sogar Tod…
Richten wir nun unsere Aufmerksamkeit auf eine scheinbar harmlose Aktivität, und zwar wenn ein Mensch vor dem Einschlafen im Bett liegt und sich lange nicht von seinem Smartphone lösen kann. Wozu führt das? – zu einer erheblichen Verringerung der Produktion von Melatonin (um bis zu 50 %), wobei Melatonin der wichtigste „Dirigent“ unseres Schlafs ist, zu erschwertem Aufwachen am nächsten Morgen sowie zu einer Reduktion der dritten und vierten Phase des Tiefschlafs, was sich unmittelbar auf die Regeneration des Körpers für den anstehenden Tag auswirkt.
Glauben wir wirklich, dass wir uns ebenso schnell verändern können wie die Welt um uns herum? Das ist ein großer Irrtum! Unser Körper ist nicht in der Lage, sich so schnell zu verändern wie unsere Smartphones oder Autos. So benötigte zum Beispiel eine teilweise Veränderung eines einzigen Gens im menschlichen Körper, welches das Enzym Laktase zur Spaltung von Milchzucker kodiert, mindestens 10 000 Jahre! Über Millionen von Jahren hinweg haben wir uns – ebenso wie unsere Gene und unsere DNA – nicht verändert. Verändert hat sich nur die Welt um uns herum. Diese Tatsache darf nicht ignoriert werden. Und unter keinen Umständen darf man den täglichen, ausreichenden, erfrischenden Schlaf, der für die Regeneration unerlässlich ist, vernachlässigen.
Wozu führt Schlafmangel (selbst nur 1 Stunde pro Tag)?
– Der Hormonhaushalt und der Kohlenhydratstoffwechsel werden gestört.
– Der Cortisolspiegel steigt, die Insulinsensitivität sinkt.
– Entzündungen und oxidativer Stress nehmen zu.
– Ausdauer, Gedächtnis und Aufmerksamkeit lassen nach.
– Das Risiko für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebserkrankungen steigt.
– Die Psyche leidet: Stimmung verschlechtert sich, Reizbarkeit und Erschöpfung nehmen zu.
– Die Kommunikation leidet: in der Familie, am Arbeit, in der Gesellschaft.